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Ist hier etwa Alltag eingekehrt? – Teil 2

27 Jun
Ist hier etwa Alltag eingekehrt? – Teil 2

Der Staub ist ab – jetzt wird poliert: Lasst euch mitnehmen nach Nicaragua, an den Pazifik, in die Karibik und wieder zurück in mein Dorf. Von Seminaren und Reisen handelt Teil 2 meines Rückblicks auf die vergangenen Monate. Und auch ein Ausblick auf die immer näher kommende Rückkehr nach Deutschland findet hier ihren Platz. Zunächst aber: Nach den Fiestas ist vor dem Seminar…

…viel Zeit auszuruhen blieb nach den Fiestas wie erwähnt nicht: Bei ihrem Besuch hier im Projekt vor dem Zwischenseminar hatten sich meine Landesmentorin Gerti sowie die für uns Freiwillige in Costa Rica zuständige EED-Mitarbeiterin Susanne mit meinem Chef darauf geeinigt, ein Dialog-Seminar zum Thema „nachhaltiger Tourismus“ durchzuführen. Ein solches hatte es wohl schon einmal gegeben und war seinerzeit auch recht erfolgreich. Die Idee war, dass junge Menschen aus Deutschland, Costa Rica und Nicaragua über das Thema diskutieren und sich gegenseitig ihre jeweiligen Ideen und Projekte vorstellen. Seminarort war das Centro Ecologico los Guatuzos ganz im Süden von Nicaragua. Es liegt unmittelbar im Grenzgebiet zu Costa Rica und ist von dort aus zu erreichen, ohne offiziell die Grenze überschreiten zu müssen. Ein „richtiger“ Grenzübertritt  zwischen beiden Ländern nimmt nämlich gerne mal ein paar Stunden in Anspruch. Nur schade, dass der offizielle Einreisestempel im Reisepass mir damit auch verwehrt blieb…

Vor Ort waren es dann ein paar wirklich interessante Tage und ich war insbesondere beeindruckt von dem Wissensschatz über Flora und Fauna, den einige der jungen Leute aus Costa Rica und Nicaragua besaßen. Fast zu jedem Baum oder jeder Pflanze konnte  gefachsimpelt werden und es wurden fleißig Samen gesammelt, um diese konservieren zu können. Die Unterbringung im Centro entsprach einem Jugendherbergsstil und die Mahlzeiten nahmen wir in verschiedenen kleinen Restaurants im Dorf zu uns, denn dies ist der Grundgedanke des Centros: Alle Bewohner dieser Gemeinde sollen gleichermaßen an den Vorzügen des Tourismus beteiligt werden. Somit hatten wir also schon ein positives Beispiel für unser Thema an Ort und Stelle. Die Tage vergingen dann auch recht schnell. Neben dem Seminarprogramm standen uns verschiedene  Wege in den Urwald, etwa über Hängebrücken, offen. Ebenso standen Kajaks und andere Freizeitmöglichkeiten zur Verfügung. Außerdem unternahmen wir einen Ausflug auf das Archipel Solentiname, ganz im Süden des Nicaragua-Sees gelegen.

Alles in allem haben mir die Tage sehr gut gefallen. Eigentlich war es gar kein richtiges Seminar für mich, sondern vielmehr ein Zusammentreffen von vielen interessanten Leuten, die sich austauschen konnten, sei es bei den gemeinsamen Mahlzeiten, bei Ausflügen und natürlich auch im offiziellen Rahmen des Seminars. Und auch meine Meinung zum Thema hat sich durch diese Exkursion verfestigt: nachhaltiger Tourismus ist, wenn denn Tourismus sein muss, sicherlich eine mögliche und durchaus positive Alternative, die aber in den seltensten Fällen zu 100 % umgesetzt wird und die insbesondere für die lokalen Leute ohne viel Geld und Knowhow und ohne Einfluss von außen quasi nicht umzusetzen ist.

Außerdem haben mir die Tage im Centro auch mal sehr gut getan, weil es dort kaum Strom und schon gar kein Handy- oder Internet-Netz gab. Einmal so ganz abgeschaltet vom Weltgeschehen zu sein – und sei es nur für drei, vier Tage – war wohl eine noch nie gemachte Erfahrung für viele von uns und hat mir persönlich sehr gefallen. Am ersten Tag blickte ich noch hin und wieder reflexartig aufs Handy. Dies wurde aber schnell weniger und das Handy war fast nur noch als Taschenlampe im Dienst. Ich glaube nun, dass man das totale Abschalten und die völlige Entspannung nur hinbekommt, wenn man sich mal für mindestens eine Woche diesem Status hingibt… Mal sehen, ob ich diesen weisen Worten noch einmal Taten folgen lassen kann in den nächsten Jahren.

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Nach diesem Abenteuer in Nicaragua waren eigentlich keine größeren Ereignisse mehr für das Jahr geplant, bis sich dann doch recht spontan der Besuch meines guten Freundes Denis aus der Heimat ergab. Mit Verhandlungsgeschick und vorversprochenen Arbeitsleistungen konnte ich für mich noch zwei Wochen Urlaub erkämpfen und durfte mich somit  also auf erneuten Besuch freuen – und auf die willkommende Möglichkeit, noch einmal für längere Zeit dem Büro zu entkommen und das Land zu bereisen. Zunächst verbrachten wir allerdings ein paar Tage bei mir hier im Dorf, sollen ja alle auch mal sehen, wo und wie ich hier lebe. Je mehr Leuten ich meinen Alltag hier vor Ort zeigen und näher bringen kann, desto eher werden sie mich dann auch verstehen, wenn ich nach meiner Rückkehr nicht mehr aufhöre zu erzählen, und sie werden inbesondere nachvollziehen können, was ich da eigentlich erzähle. Dies dürfte anderen wohl schwerer fallen.

In unsere gemeinsame Zeit im Dorf fiel dann auch noch ein kleines internationales Zusammentreffen im MultiKultiZentrum Oficina Jazon: Ein paar Freunde der Organisation aus Panama hatten sich mit französischen Freiwilligen im Schlepptau angesagt, um etwas über den Aufbau eines Mikrokredit-Programms zu lernen. Die französischen Voluntarios arbeiten zur Zeit in einer kleinen Gemeinde in Panama daran, Ähnliches aufzuziehen, wie es Jazon schon vor Jahren getan hat. Der Vortag, dem mein Chef dabei hielt, zeigte auch mir noch einmal viele Details über die Historie meiner Organisation und insbesondere auch zum Mikrokredit-Programm auf. So etwas hätten sie mir bei meiner Ankunft vielleicht auch einmal vortragen sollen … Anscheinend war das Vorhaben aber sehr erfolgreich, denn mittlerweile gab es die Erfolgsmeldung aus dem südlichen Nachbarstaat: Es wurden erste Mikrokredite vergeben! Ansonsten war es auch sehr nett, mal ein bisschen etwas aus Panama erzählt zu bekommen und auch die Unterschiede im Spanischen herauszufinden. Hierbei wurde mir schon ein sehr ausgeprägter costa-ricanischer Dialekt attestiert. Von Vorteil war auch, dass eine der Französinnen Deutsch sprach, was insbesondere für meinen nicht spanisch-sprachigen Besucher sehr hilfreich war. Und ich musste einmal nicht meinen neuen „Lieblingsjob“ als Dolmetscher ausüben …

Unsere Reise startete dann mit einem kleinen Abenteuertag inklusive Canopy und Rafting. Zuerst: Canopy. Man hängt dreifach gesichert unten an einem kleinen Wagen mit zwei Rädern, die auf einem dicken Stahlseil fahren – man klingt das umständlich erklärt. Wer es noch nicht verstanden hat guckt sich am besten die Bilder an.

Jedenfalls mussten wir mal größere, mal kleinere Schluchten überwinden oder schnellten von einer Plattform hoch oben in den Bäumen zur Nächsten. Eine aufregende Tour, die ihren Höhepunkt beim sogenanten Superman-Dive hat, bei dem man auf dem Bauch liegend eine riesiges Tal überfährt. Da stieg der Adrenalinpegel dann noch einmal gewaltig an. Wie gesagt, ich denke die Bilder sprechen am besten für sich. Zum Glück hatte Denis auch noch eine kleine GoPro Kamera dabei, die, auf seinem Helm montiert, fleißig ein paar wilde Fahrten mitschnitt. Vielleicht schaffe ich es ja noch, ein paar Videos hochzuladen, ansonsten gibt es die dann wieder zurück in Deutschland für euch zu sehen.

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Nach diesem ersten Teil unseres Abenteuertages stand zunächst eine Stärkung mit landesüblichen Speisen auf dem Plan, bevor es weiter ging zum Rafting. Ich denke diese „Sportart“ ist vielen von euch schon bekannter. Mit vier anderen Touristen und einem Bootsführer ging es zweieinhalb Stunden mal schneller, mal langsam einen Fluss hinab im Schlauchboot. Da der Fluss zu den niederigeren Schwierigkeitsstufen zählte, konnte man sich noch einigermaßen im Boot halten, wurde aber dennoch anständig nass! Denis und ich wählten uns, auch wegen der Kamera, die diesmal auf meinem Kopf montiert war, natürlich den vordersten Platz im Boot aus und waren daraufhin diejenigen, die den Paddelrhythmus, auf Befehl des Guides, vorgaben. Nach ein paar Metern waren wir einigermaßen eingespielt und es gab nur noch hin und wieder eine, sagen wir mal, müdigkeitsbedingte Verwechslung der Befehle „Forward“ und „Back Paddle“. Da man aber eigentlich nur im Bereich der Stromschnellen mit dem Paddel aktiv werden musste, blieb noch viel Zeit für Naturbeobachtung und Small-Talk unter den Mit-Paddelnden, allesamt, wie so oft hierzulande, US-Amerikaner. Unterwegs sah Denis dann auch sein erstes obligatorisches Faultier und hatte somit die wichtigste Beobachtung für einen Costa- Rica-Touristen bereits nach wenigen Tagen abgehakt. Und, trotz meiner mittlerweile vorhanden Schwierigkeit Englisch und Spanisch auseinander zu halten, bekam ich doch zum Ende der Tour hin noch ein Lob für den tollen britischen Akzent meines Englischs – anscheinend hat sich da, tut mir Leid, wenn dies jetzt nicht alle Leser verstehen, wohl doch die ROGsche Schule durchgesetzt. Sorry, Søren J.

Zum Abschluss der Tour gab es dann noch ein schönes kaltes Bier unter der ebenfalls erfrischend kalten Dusche – ich fühlte mich, wie bei meinem Heimatverein SV Altenberg nach dem Fußballspiel!

Bilder gibt es von diesem Spektakel leider keine, denn die eben erwähnte Kamera machte pünktlich zum Ablegen schlapp und war somit nicht mehr, als eine Kopfverzierung…

Von hieran bewegten wir uns dann aus meinen „heimischen“ Sphären fort und setzten unsere Reise zunächst nach Alajuela fort, wo zwei andere deutsche Freiwillige von der Landeskirche Baden in einer WG wohnen. Dank gutem Kontakt zu den Bewohnerinnen und Nähe zum Flughafen und zur Hauptstadt (Alajuela ist fast Vorstadt von San José), schlugen wir dort quasi unser Zwischenlager auf. zunächst vor der Abfahrt an den Pazifik, später auf der Überfahrt vom Pazifik in die Karibik und am Ende noch einmal, um dem hauptstädtischen Nachtleben zu fröhnen und Denis gut wieder in den Flieger setzen zu können.

Dazwischen lagen dann tolle und erlebnisreiche Tage, mit Strandbesuchen, Tauchen – definitiv etwas, was ich noch einmal wiederholen möchte, bei mehr Sichtweite und an einem anderen Ort, Bekanntschaften mit seit 20 Jahren hier wohnenden Amis, die in ihrer Bar ganz einfach den besten Burger der Welt anbieten. Mit Vergiftungen durch das (jaa, ich weiß: typisch Jungs) gegenseitige Abwerfen mit irgendwelchen Meermandelfrüchten, die dann, Gottseidank, aber doch nur zu allergischen Reaktionen führten, oder mit entspannendem Cruisen auf Fahrrad bzw. Elektroroller bei 40°C in der Karibik. Ich belasse es hier bei diesen Stichwörtern, lasse auch an dieser Stelle lieber noch ein paar Fotos für sich sprechen und damit den Eintrag nicht zu lang werden.

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Zum Glück war Denis‘ Zeit hier aber immer noch nicht der letzte Besuch aus der Heimat, denn auch mein Bruder hat sich recht kurzentschlossen mit seiner Freundin noch einmal für eine Reise nach Mittelamerika entschieden. Sie kamen mich hier vor wenigen Tagen besuchen, anschließend gönne ich mir mit ihnen noch einen Ausflug – je nach Wetter Nebelwald Monteverde oder doch wieder Pazifikstrand – und damit auch meinen wohl letzten Urlaub in diesem Freiwilligen-Jahr.

Das sollte aber auch für die letzte Zeit reichen, denn die wird wohl auch hier im Projekt recht entspannt angegangen. Meine letzte große Aufgabe ist zur Zeit, ein Manual, sprich Handbuch, für die gar nicht mehr so neue Internetseite zu erstellen, damit auch meine Kollegen und zukünftige Freiwillige sich weiterhin erfolgreich um die Seite kümmern können. Diese Arbeit bereitet mir, da endlich mal ein konkretes Projekt, zum Abschluss noch einmal sehr viel Spaß und es gibt mir das Gefühl, damit hier alles anständig vorbereitet zu hinterlassen für die nächsten Generationen an Freiwilligen und Mitarbeitern von JAZON.

Denn, ich kann auf dieses Bild an dieser Stelle einfach nicht verzichten: Die Zeit, sie rennt! Nun sind es bei Veröffentlichung dieses Artikels nur noch gut 40 Tage, bis ich JAZON und das Valle Azul verlasse – meine mal geliebte, mal verfluchte einjährige Heimat, die ich aber mit all ihren lieben Menschen hier, doch für lange in mein Herz geschlossen habe. Anschließend verbringen wir EED-Freiwillige alle noch ein paar Tage in der Hauptstadt, bevor wir dann am 15. August den Flieger besteigen, der uns zunächst nach Panama bringt, von da aus geht es nach Amsterdam und zum Schluss betrete ich dann, mancher mag jetzt denken auuusjereschnet doaa, in Düsseldorf seit vielen Monaten das erste Mal wieder deutschen Boden.

Bis dahin sollt ihr mich aber noch einmal intensiver über dieses Medium hier begleiten können, als es in den letzten Monaten so der Fall war: Ich habe mir vorgenommen, die letzten sechs Wochen meines Aufenthaltes, pro Woche mindestens einen Beitrag einzustellen, der euch, immer nach dem Motto „Das werde ich an Costa Rica vermissen – auf das freue ich mich besonders in Deutschland“, meine Abschiedsgedanken und –gefühle näher bringen soll. Außerdem könnt ihr mir auch gerne schreiben, wenn ihr aus diesem oder anderen Beitrag noch einmal etwas erklärt bekommen wollt oder wenn ihr sonst noch etwas über Costa Rica, den Freiwilligendienst oder  Irgendetwas damit verbundenes  hören wollt. Vielleicht schaffe ich es, die Beantwortung dieser Anfragen in den ruhigeren letzten Bürotagen ja auch noch mit unterzubringen in meiner wöchentlichen Meldung!

Also, ihr hört demnach schon nächste Woche wieder von mir – bis dahin mailt und kommentiert fleißig. Neue Bilder kommen nun auch nach und nach wieder in die Alben bei Facebook und Google+ (letzteres für jeden zugänglich), klickt einfach mal die Links recht in der Spalte an. Dort gibt es ja auch weiterhin Links zu interessanten Internetseiten und zu vielen Blogs von anderen Freiwilligen, die auch sehr viel spannendes und lesenswertes über ihre Online-Tagebücher verbreiten!

¡Pura Vida!

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Verfasst von - 27. Juni 2013 in Berichte

 

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