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Ist hier etwa Alltag eingekehrt? – Teil 1

26 Jun
Ist hier etwa Alltag eingekehrt? – Teil 1

Mit Staub überzogen und von Ameisen heimgesucht – nein, ich rede nicht von diesem Blog, meiner scheinbar verlassenen Internetheimat, sondern vielmehr  von der Einrichtung meiner vier Wände hier im Valle Azul nach einer zweiwöchigen, urlaubsbedingten Abwesenheit. Doch dies ist nicht alles, was seit meinem letzen Eintrag passiert ist. Also: Die Möbel sind abgestaubt, jetzt folgt der Blog!

Geschätzte Leser, ich habe nun also die Aufgabe vor mir, sechs vergangene Monate zusammenzufassen, um Euch wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Das klingt mir eigentlich zu langweilig, so dass dieser Eintrag hier nur ein paar Anekdoten und wirklich erzählenswerte Momente beinhaltet. Von der Abreise meines Familienbesuches bis hin ins aktuelle Geschehen, lediglich noch sieben Wochen, bevor mein Freiwilligendienst in Costa Rica zuende geht.

Am Anfang des Jahres war, nach Abreise der Familie, erst einmal ein bisschen Tristesse angesagt. Ein ganzes halbes Jahr lag noch vor mir und es schien sich bald so etwas wie Alltag einstellen zu wollen in meinem Leben hier in Mittelamerika. Die Tage verbrachte ich meist im Büro, werkelte weiter fleißig an der neuen Internetseite meiner Organisation JAZON herum und stand weiterhin in Kontakt mit Touristen aus USA, Deutschland, Spanien, Frankreich und anderen Teilen der Welt. Das Postfach glühte nun aber immer weniger, denn die Hochsaison ebbte immer weiter ab, auch wenn sich das Wetter bis lange in den Mai hinein noch prächtig zeigte – zumindest für den Touristen. Die hiesigen Landwirte und auch der – immer noch nicht an diese Hitze gewöhnte – Freiwillige aus dem Kälteparadies Deutschland, konnten weniger damit anfangen, in diesem Ofen im Dauerbetrieb zu leben. Ja, ich sehnte doch glatt die Regenzeit herbei, in so mancher Stunde, in der selbst das Tippen am Laptop zu Schweißausbrüchen führte. Der für April und später dann für Mai prognostizierte Beginn des Regens, verspätete sich nun also bis in den Juni. Und bisher bringt er noch selten die gewünschte Abkühlung mit. Regen und Hitze zusammen. Willkommen in den Tropen!

Alltag also. Ein bisschen Routine im Leben schadet ja nicht. Ich wusste, was ich hatte (sieben Stunden vor dem PC) und was nicht: Jede Woche mit den Touristen die nördliche Zone Costa Ricas erkunden. Nun gut, diese Vorstellung wäre wohl auch zu schön, um wahr zu sein für einen Freiwilligendienstler, aber es fiel hin und wieder doch merklich schwer, sich für die Tage im Büro immer von neuem zu motivieren. Zumal, wenn die Aufgabenfülle häufig nicht mit den zur Verfügung stehenden Stunden einherging (Stunden > Aufgabenfülle). Natürlich wurde mir hin und wieder auch bewusst, dass es an meinem eigenen Engagement liegt, wie viel ich zu tun habe; aber zunächst wollte eine gesteigerte Eigeninitiative noch nicht so recht zum Vorschein treten. Einen kleinen, ersten Wendepunkt markierte dann allerdings das Zwischenseminar Ende Januar/ Anfang Februar.

Das Seminar fand mit uns Freiwilligen (FW) vom EED/ Brot für die Welt und noch vielen anderen deutschen FW, die in verschiedenen Ländern Mittelamerikas tätig sind, in der Nähe von Cartago statt. Die Erwähnung Cartagos, einem kleinen Städchen, dass auch mal Hauptsadt werden wollte, führt bei den meisten Einheimischen zu spontanen Kälteschocks und man wird vor so niedrigen Temperaturen gewarnt, als führe man nach Alaska. Unser Seminar fand dann allerdings auch noch in den Bergen um Cartago statt, wodurch die Temperatur in der Tat nur unwesentlich höher lag…

Nun gut, neben dem Gefühl, bei vermutlich immer noch deutlich mehr als 10° C zu erfrieren, hatten wir ein gut gefülltes Programm aus Reflexion, Meditation und Exkursion(en). Ein paar Details dazu findet ihr auch noch in meinem zweiten Zwischenbericht, der – siehe rechte Seitenspalte – zum Download bereit steht. Besonders erwähnenswert waren hier insbesondere eine Exkursion zu einer riesigen Ananasplantage (Del Monte oder Dole – keine Ahnung mehr; die miesen Arbeitsbedingungen sind die gleichen) sowie im Anschluss zu einer der wenigen Gewerkschaften für die Plantagenarbeiter. Ich habe wohl selten innerhalb von wenigen Stunden zwei so unterschiedliche Geschichten zum gleichen Thema aufgetischt bekommen. Auf der einen Seite die um positive PR bemühte Mitarbeiterin der Plantage, die gefühlt genauso viel Zeit aufbrachte, um uns Frösche zu zeigen, die auf einem der wenigen Grünstreifen zwischen den Anbauflächen angeblich zu finden seien, wie uns durch die Fabrikhallen zu führen. Während unserer Anwesenheit: Kein offensichtlicher Einsatz von Giften. Bei der Erklärung zum Wachstumsprozess der Frucht wurden sie nur beschönigend am Rand erwähnt. Arbeiter lachten und trugen alle vorgeschriebenen Schutzkleidungen – und selbst von dem tollen Fall einer Arbeiterin, die sich nach schwangerschafts-bedingter Entlassung wieder einklagen konnte, wurde stolz berichtet. Warum man der Frau erst kündigte? Für Nachfragen war nicht viel Zeit.

Bei der Gewerkschaft klang das Ganze dann eher so: Wer sich gegen Entlassungen wehrt, bekommt dies zu spüren, die meisten Arbeiter können ihre Rechte sowieso nicht einfordern, da sie nicht legal nach Costa Rica eingewandert sind (zumeist aus Nicaragua). Somit kann die Gewerkschaft auch nur begrenzt, um deren Rechte mitkämpfen. Ansonsten tragen selten alle Arbeiter die, theoretisch, vorgeschriebene Schutzkleidung, es sei denn Besuchergruppen, wie unsere, haben sich angekündigt. Bezahlung und Arbeitszeiten verstoßen in vielen Fällen ebenso gegen die Gesetze. Wer sich wehrt, der fliegt. Und das kann sich erst recht keiner leisten.

Eine weitere interessante Essenz dieses Besuches: Dir Arbeiter werden nicht nur wie zweite Wahl behandelt, die Einheimischen bekommen auch nur die zweite oder eher die vierte Wahl an Früchten auf den Tisch. Mindestens die ersten beiden Produktgruppen (nach Aussehen und Größe) gehen komplett in den Export.

Hier haben wir also einmal einen Fall von Ausbeutung sogenannter Entwicklungsländer für den Konsum unserer Gesellschaft vor Ort kennenlernen dürfen. Er passte für mich, ohne das eine gegen das andere aufwiegen zu wollen, voll und ganz in eine Reihe mit der aktuellen Berichterstattung in Deutschland, über menschenunwürdige Produktionsbedingungen in Bangladesch und andern Ländern, in denen die Modeindustrie für „uns“ so billig wie möglich produzieren lässt.

Dennoch stelle ich mir jedes Mal, wenn mir aus Deutschland freudig berichtet wird, dass es gerade mal wieder Früchte aus Costa Rica im heimischen Supermarkt gab, die Frage: Soll ich mich jetzt mitfreuen oder soll ich den Leuten erzählen, dass der nicaraguanische Arbeiter sich beim Ernten dieser Frucht vielleicht vom Einsatz der Pflanzenschutzmittel vergiftet hat? Eigentlich möchte ich keinen davon abhalten, Früchte aus Costa Rica zu kaufen, denn sie schaffen hier bitter benötigte Arbeitsplätze. Also stelle ich lieber die Frage: Was kann ich als Konsument dafür tun, dass die Ananas, auf die ich nicht verzichten möchte, in Zukunft Arbeitsplätze mit fairen Bedingungen schafft? Es ist denke ich eine der wichtigen Aufgaben unserer „westlichen“ Gesellschaft hierauf eine zukunftsweisende Antwort zu finden. Denn auf Dauer kann und wird dieses ausbeutende System nicht mehr funktionieren. Meine Meinung!

Wie ihr merkt, ist der Besuch auf der piñera (piña, span. für Ananas) von der Zeit auf dem Zwischenseminar am bedeutensten in meiner Erinnerung hängen geblieben. Allerdings hatte das Seminar, neben der Kälte und der insgesamt nicht sehr glücklichen Ortswahl, aber auch weitaus positivere Effekte. Man lernte neue Leute und durch diese naheliegende Länder kennen und schloss gute Freundschaften. Für mich persönlich kann ich zudem behaupten, dass die einzelnen Einheiten, so langatmig sie auch teilweise waren, auf lange Sicht dafür sorgten, dass ich es ab Februar schaffte, die schon erwähnte Eigeninitiative in meiner Arbeit auszubauen.

Nicht, dass ich jetzt wie ein Magnet jede noch so kleine Aufgabe anzog und bald Gefahr lief, dem Trend folgend, mit Burnout aus dem Jahr zu gehen. Aber dennoch schaffte ich es, meinen Alltag etwas sinnvoller auszufüllen, als mit fünfmal täglichem Durchlesen von kicker.de&Co. Durch mehr Dialog mit meinem Chef einerseits und durch das (dennoch sehr bedauernswerte) Ausscheiden des Kollegen Wilson aus dem Büro andererseits, was meinen Chef zu etwas Mehrarbeit und Abgeben von Aufgaben veranlasste, sah ich nun etwas positiver in die noch verbleibende Zeit. Daneben wurde mir auch besonders zwischen Februar und April häufiger die Möglichkeit gegeben, Touristengruppen auf ihrem „Día Agricola“ zu begleiten. Eine Tour, die wir in erster Linie an groooße Gruppen aus Frankreich verkaufen. Diese haben dann dort die Möglichkeit in das typisch costa ricanische Dorfleben einzutauchen und an verschiedene Aktivitäten bei Familien aus dem Dorf San Marcos de Cutris teilzunehmen: ob Kühe zu melken, Tortillas und Kaffee auf traditionelle Art herzustellen, die Gasgewinnung mit einem Bio-Digestor erklärt zu bekommen und einen „medio-organico“, halb-biologischen Ananasanbau zu besuchen. Kurz: das costa-ricanische Landleben gemischt mit traditionellen Aktivitäten an einem (dreiviertel) Tag zu erleben. Abgerundet wird dieses Erlebnis dann meist noch mit einem Mittagessen bei verschiedenen Familien aus dem Dorf. Hier wurde ich also immer mal wieder mit meinem Kollegen Eduardo ausgeschickt, um die Koordination der Gruppen vor Ort mitzuleiten. Wichtigste Erkenntnisse aus dieser Arbeit: Man kann in diesem Land noch viel, viel, viel abgeschiedener Wohnen, als ich es tue; meine Französisch-Schul-Kenntnisse sind leider erschreckend geschrumpft, aber mit Englisch kann man bei (zumindest den älteren) Franzosen weiterhin meist genauso wenig ankommen; frische Ananas vom Feld ist ein Traum und die Gastfreundlichkeit der Landbewohner zumeist unschlagbar!

So verbrachte ich also meine Tage nun etwas motivierter bei der Arbeit im Büro und hin und wieder bei den Familien in San Marcos. Daneben suchte ich mit Wochenendtrips nach San José weiterhin regelmäßig Reißaus vom Dorfleben. Dies bekam dann meistens mein Konto zu spüren. Grobe Schätzung: Ein „intensives“ Stadt-Wochenende kostet so viel wie ein Monat Dorfleben. Kein Wunder, dass unsere Stadt-FW vorne und hinten mit dem Geld nicht auskommen. Dafür haben sie ein ausgeprägtes Sozialleben. Alles hat halt irgendwo seine Vorzüge (Ok, 1000 Colones ins Phrasenschwein…). Hin und wieder hinterließen diese Trips aber auch in meiner Haarpracht Spuren:

Kurzhaar-Freiwilliger

Oder sie wurden spontan ausgeweitet und man gelangte kurzfristig mit einer gemischten Reisegruppe aus Ticos und neu geschlossenen Freundschaften vom Zwischenseminar auf die Vulkane um San José, in diesem Fall auf den Vulkan Poás. Ein lustiger Ausflug, bei dem ich zum ersten Mal die Vorzüge meiner Cédula genießen konnte – dem einheimischen Pass und gleichzeitig meinem Visum, dass ich mittlerweile als erster FW ausgehändigt bekam! Gerade rechtzeitig, denn sonst hätte ich für diesen Ausblick ganze $ 10 berappen müssen:

Meine Cédua - Ausweis und Visum da ist irgendwo der Vulkankrater... ...wie Sie sehen, sehen Sie nix.

Neben dem zu Beginn erwähnten Zwei-Wochen-Urlaub gab es in dieser ganzen Zeit noch zwei weitere besondere Ausnahmen aus dem Alltag: Die Fiestas Civicas, das traditionelle Dorffest hier im Valle Azul, und ein Dialog-Seminar, organisiert von JAZON, im Süden Nicaraguas.

Da mein Chef neben dem Posten bei JAZON auch im Valle Azul’schen Dorfverschönerungsverein schwer aktiv ist, sorgten diese beiden Aktivitäten Anfang April für einen außergewöhnlich hohen Arbeitsaufwand in und außerhalb der beschaulichen Büroräume. Denn zwischen den Fiestas und dem Seminar lagen nur wenige Tage Zeit und beides wollte gut geplant sein, was am Ende dann auch größtenteils geklappt hat.

Das dreitägige Dorffest bescherte mir, als Mitarbeiter des Organisators, ein arbeitsreiches Wochenende: Kilometer abspulen hinter der Bar anstatt gemütliches Trinken vor der selbigen war angesagt. Aber da mir die Arbeit am Getränkeausschank super gefallen hat und es dem Körper ja auch nichts schadet, zur Abwechslung mal etwas körperliche Arbeit zu leisten, machte mir das ganze doch einen großen Spaß. Zumal ich dadurch auch endlich in Kontakt mit einem Großteil der Menschen hier kam. Außerdem konnte ich trotz der Arbeit den zentralen Events der Fiestas beiwohnen: Beginnend mit dem Tope, einer Art Präsentation von Pferden. Die Pferdebesitzer treffen sich hier auf einer großen freien Fläche, werden zunächst mit Essen und (alkoholischen) Getränken versorgt und sammeln sich dann alle. Anschließend geht es in gemeinsamem Ritt durchs Dorf bis hin zum Zentrum der Feierlichkeiten, dem Salon Comunal, einer Art Mehrzweckhalle im Dorfzentrum, zu der auch „meine“ Bar gehörte. Hier werden die Pferde und ihrer Reiter dann den Schaulustigen präsentiert und Interviews geführt – also mit den Reiterinnen und Reitern. Diese sind natürlich besonders stolz, ihre Tiere präsentieren zu können, die sie gezüchtet oder zumindest gepflegt haben. Wahrlich edle und imponierende Geschöpfe, die dort auf und ab liefen.

Wenn der reitbare Untersatz dann wieder zurück im Stall oder zumindest im Anhänger war, galoppierten Reiter und Zuschauer nun per pedes bis in die späten Abendstunden in wildem Tanzschritt durch den Salon Comunal.

Am nächsten Tag dann der eigentliche Höhepunkt der Fiestas: Bullenreiten. Eine Gruppe professioneller Reiter, die mit ihrem Wettbewerb hier im Dorf gastierten, versuchten, begleitet von Showprogram und lokalem TV-Sender, so lange und so elegant wie möglich auf einem mächtigen Bullen zu reiten. Schon ein wildes Spektakel. Kurz blieb mir das Herz stehen, als einer der Reiter stürzte und der Bulle ihn und seine Helfer mit gezieltem Einsatz seiner Hörner maltrierte. Kein Wunder, dass ein ganzes Team Sanitäter das Spektakel begleitete. Offenbar war dieser Unfall aber eher noch von der harmlosen Sorte. Alles nahm danach weiter seinen Lauf und ein Bulle nach dem anderen wurde mehr oder weniger erfolgreich beritten. Auf Dauer verlor sich für mich, aber wohl auch für das weitere Publikum die Spannung: Die Bekanntgabe des Siegers fand schon vor nahezu leeren Rängen statt, denn mittlerweile lief im Salon neben der örtlichen Arena erneut die Tanzmusik… Zum Abschluss gab es dann am letzten Tag noch das sogennante Rodeo, worunter ich mir eigentlich nur einen elektronischen Bullen zum Reiten vorgestellt hatte, wie man ihn bei uns von der Kirmes vielleicht kennt. Hier war es aber wieder ein Wettbewerb zwischen mehreren lokalen Teams, die in erster Linie Reitparcours und ähnliche Aufgaben zu bewältigen hatten und dabei von einer johlenden Menge begleitet wurden. Definitiv ein lustiger Abschluss der Fiestas Civicas.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Wie es mir beim Dialogseminar in Nicaragua erging und welche Abenteuer ich mit meinem zweiten Besuch aus der Heimat erlebte lest ihr bald im zweiten Teil dieses Beitrags…

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Verfasst von - 26. Juni 2013 in Berichte

 

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