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STADT, land, fluss I

09 Okt
STADT, land, fluss I

Es wurde mal wieder Zeit für mich dem Landleben zu entfliehen. Unter anderem, um die ersten entscheidenden Schritte in Richtung des Freiwilligen-Visums zu tun, um den zweiten Teil unseres Einführungsseminars durchzuführen, aber auch, um mal wieder das Stadtleben und die Gesellschaft meiner Mitfreiwilligen hier in Costa Rica zu genießen.

Am 27. September war also mal wieder der Stadt-Teil von meinem lustigen Stadt, Land, Fluss-Spiel angesagt, dass sich wohl über mein Jahr hier hinziehen wird. Es ging per Bus aus dem kleinen Valle Azul über eine nächstgelegene Stadt in die Hauptstadt. Mir fiel dabei das erste Mal auf, wie gerne ich doch hier Bus fahre:

Fensterplatz, Sitz soweit wie möglich zurückstellen, weil das hier eh alle ohne Rücksicht auf die Knie des Hintermanns machen, Kopfhörer rein und die Landschaft an einem vorbeirasen lassen.

Ich glaube fast, dass ich so einmal ganz durch das Land fahren könnte, wenn es denn möglich wäre. Es ging vorbei an Riesenbäumen, tiefen Schluchten, wilden Flüssen und kleinen Bachläufen, an einem israelischen Hotel und Restaurant, dass leicht aggressiv seine Angebote bewarb mit einer Masse an Schildern am Straßenrand. Und so weiter… spätestens in San José war dann Schluss mit vorbeirasender Natur, aber dafür war ich ja auch hierhin gekommen: Endlich mal wieder eintauchen in das wilde Stadtleben!

Das wurde dann in den folgenden Tagen auch so gut es ging ausgenutzt. War man am ersten Abend noch ziemlich müde, ging es am Freitag direkt mal auf die Piste. Allerdings nicht ganz so erfolgreich, wie erhofft. Man landete gefühlt im Ballermann San Josés, Bar für Bar ging es in erster Linie darum sogenannte Oláfos an den Mann und die Frau zu bringen. In Deutschland würde man Humpen sagen oder zur Zeit passenderweise noch eher Maß!

Am Montag versuchten wir dann noch einmal in das Nachtleben San Josés einzusteigen, wir drei Jungs (mein Mitfreiwilliger Julius und Carsten, den wir im Hostel getroffen hatten und der gerade hier ankam und in den nächsten Monaten bei einem Projekt von Skate-Aid als Freiwilliger mithilft) landeten dann aber doch nur mit ein paar Dosen in der Hand auf dem Museumsvorplatz. Der Club, den wir als Ziel ausgemacht hatten, verlangte dann doch zu viel Eintritt und erschien von der Aufmachung her möchtegern edel, sprich abstoßend. Amüsant war aber davor von einer Dame erklärt zu bekommen, wie wir Deutschen so ticken:

Die Männer höflich und angenehme Liebhaber, die Frauen nervig und eifersüchtig

Ahhja! Aber sie muss es ja wissen, wenn sie doch angeblich bei einem höheren Vertreter unseres Landes hier in Costa Rica ein und aus geht. Oder ging. Oder so..

So viel zum Nachtleben. Beim nächsten Besuch wird es bestimmt auch nochmal einen nächsten Versuch geben – ich hoffe dann von mehr Erfolg gekrönt, dass ich mal wieder meine großartigen Tanzperformances aufs Parkett legen kann. Live Music Hall und Klapse lassen grüßen!

Neben dem Vergnügen stand, was wohl, auch „Arbeit“ an. In unserem Fall auf der einen Seite anderthalb Seminartage bestreiten und auf der anderen Seite sich laaaangsam dem Visum annähren. Das Seminar war durchaus hilfreich, man konnte die Sorgen und Probleme die sich im ersten Monat aufgestaut hatten direkt einmal loswerden und sich vor allem mit den anderen Freiwilligen über das erlebte austauschen. Dabei war es doch sehr witzig zu hören, dass die Freiwilligen in der Stadt sich fast schon überarbeitet fühlten während die Landeier doch eher (zu) wenig zu tun hatten. Außerdem konnten wir natürlich mit den Geschenken der Natur hier ein bisschen prahlen – das Faultier und die Affen hängen halt in der Stadt nicht von einer Stromleitung runter oder klettern Häuserfassaden hoch. Das ist dann doch ein Vorteil vom Landleben!

Ein Nachteil ist neben dem fehlenden Nachtleben auch das fehlende kulturelle Leben. So kamen die Städter doch des Öfteren in den Genuss von Theater, Konzert und Kino. Mein kulturelles Highlight war ein patriotische Feier in der Schule zum Unabhängigkeitstag plus anschließendem Fackelumzug. Also wurde auch in Sachen Kultur ein bisschen was nachgeholt: Der Betreiber des Hostels in dem wir die meiste Zeit in San José wohnten, ist nämlich gleichzeitig Schauspieler. Somit konnten wir am Samstag ein leicht merkwürdiges Stück von ihm und einem weiteren Schauspieler besuchen, dass davon handelte, dass die beiden in einem Würfel (el cubo) eingeschlossen waren und sich mit dieser Situation abfinden bzw. aus dem Würfel herausfinden mussten. Da alles ohne Sprache ablief hatten wir zwar immerhin von daher keinen Verständnisnachteil, insgesamt musste man aber doch etwas kämpfen, um dem Gebaren auf der Bühne folgen zu können. Gut gespielt haben beide aber definitiv, was nicht zuletzt dadurch auffiel, dass die meisten von uns erst ganz am Ende merkten, dass der andere Schauspieler taubstumm war.

Nach Feiern, Seminaren und Kulturen fehlt nun also noch die andere „Arbeits-Seite“: das Visumieren. Oder zumindest ein erster Teil davon: Schon in den ersten Wochen unseres Aufenthalts hatten wir versucht unsere Fingerabdrücke abzugeben; eine grundlegende Voraussetzung für die Beantragung des Freiwilligen-Visums. Da aber genau in dieser Zeit schon lange in Costa Rica lebenden Nicaraguanern, die bis dahin als irregulär galten, von ihrer Botschaft angeboten wurde sich günstig registrieren zu lassen und damit einen regulären Status anzunehmen, platzte die Stelle zum Abgeben der Fingerabdrücke damals aus alle Nähten. Aufgrund dieser Erfahrung machten wir uns gleich am Freitag in der Frühe auf, hatte man uns doch bei unserem letzten Besuch gesagt, am besten zwischen drei und vier Uhr NACHTS! zu kommen, um sich anstellen zu können…ganz so früh wurde es dann natürlich nicht. Aber das machte auch nichts: Ein kurzer Schnack mit dem aufsichtshabenden Polizisten:

Somos voluntarios!

Und schon durften wir ganz vorne in der Schlange den Platz einnehmen und recht schnell in die Heiligen Hallen der huellas, der Fingerabdrücke eintreten. Dort wurde man dann erst interviewt und so lustige Sachen gefragt wie:

Aus welchem Material ist das Haus in dem du wohnst und welche Farbe hat es?

um dann anschließend erst von allen Fingern einzeln und dann noch von den vier Fingern außer dem Daumen einen gemeinsamen Abdruck zu machen. Misidentifikation (Neologismus!!) ausgeschlossen! Und das vollständige Säubern der Hände leider ebenfalls. So zogen wir dann also glücklich und mit schwarzen Fingern von dannen – der erste Schritt in Richtung Visum war bewältigt! Der nächste folgte dann am Montag bzw. sollte folgen. Eigentlich muss man nämlich bestimmte Dokumente aus Deutschland im Außenministerium Costa Ricas beglaubigen lassen. Das gilt dann solange, bis man in besagtem Ministerium sitzt und ein Herr am Schalter sagt, dass man doch direkt mit den Dokumenten zur Migration gehen könnte. HEEY! Ein Taxi umsonst bezahlt und endgültig gemerkt, dass bis auf die Mitarbeiter in der Migration selber eigentlich kein Schwein so wirklich Ahnung hat, was für Dokumente man denn nun braucht für das Visum. Was folgern wir daraus? Man muss den Mitarbeiter in der Migration besuchen. Da dafür aber an diesem verlängerten Wochenende keine Zeit mehr blieb, hieß es nach ’nem Tag Landluft schnuppern am Donnerstag dann nochmal:

Auf nach San José!

Erster Besuch bei der Migration und es wird mit Sicherheit noch mindestens einer folgen…denn: es fehlen mir immer noch drei Dokumente! Woher ich das weiß? Nun, zunächst gönnte ich mir abwechselnd mit meinem Betreuer ein paar Stunden anstehen, unterbrochen von der Einzahlung von knackigen 200 $ für…ja wofür eigentlich? Egal, benötigt man für das Visum, also zahlen! Und das ganze nur, um eine Nummer von einer Dame überreicht zu bekommen mit der man dann warten konnte bis man dran war, und seine Dokumente vorlegen konnte. Typisch Amt halt. Immerhin machen es die Ticos beim migrieren ein bisschen angenehmer und man musste nicht die kompletten drei (!!) Stunden an seinem Platz warten bis die Anzeigetafel endlich die eigene Nummer anzeigte. Nein, die Migration hatte eher was von einem kleinen Dorf. Mit günstiger Soda (einem kleinen Restaurant) und einem sogar recht grün gestalteten Areal, in dem der ein oder andere sich sogar ein kurzes Sonnenbad gönnte, als Auszeit von dem stressigen Treiben der Menschen aus Guatemala, Spanien, USA, Nicaragua, Deutschland und Co.

Nachdem die Anzeigetafel mich dann schlussendlich erlöste und der nette Herr am Schalter erst so tat, als wäre alles gut und ich mich schon dafür feierte, der erste Freiwillige ever gewesen zu sein, der im ersten Anlauf sein Visum bekommt, überreichte er mir dann aber doch noch einen Zettel auf dem stand welche Teile mir fehlen im großen lustigen 5000teiligen Visums-Puzzle. Ein Teil war ein Dokument, dass mir die deutsche Botschaft ausstellen sollte. Ich dachte mir natürlich, dass ich das doch direkt erledigen könnte, um dann aber schnell auf die Hürden der deutschen Bürokratie zu stoßen! Erst nach einigen Erklärungs- und Überzeugungsversuchen und hartnäckigem Beteuern, dass ich weeit weg von San José quasi im Nichts wohne, ließ der Botschaftsmitarbeiter von seinem „Konsulats-Service nur bis 12 Uhr“-Gebet ab und eine Kollegin stellte mir netterweise die Dokumente außerhalb der Reihe aus. So betrat ich, nach unserem Anfangsempfang in der Botschaft, also schon das zweite Mal in meiner Zeit hier die einzigen Stücke „deutschen Bodens“ in Costa Rica. Somit hatte es dann mein Betreuer auch das erste Mal in seinem Leben geschafft „Deutschland zu betreten“. Nach dieser angenehmen überraschenden Flexibilität von der sich wohl deutsche Ämter einige Schneiden von abschneiden könnten ging es dann recht zügig wieder zurück aufs Land. Mit der Gewissheit nächste Woche wieder nach San José reisen zu müssen, denn das Nachreichen der fehlenden Dokumente ist nur innerhalb von zehn Tagen möglich. Das wirkte dann schon eher deutsch…

Also werde ich in wenigen Tagen noch einmal eine Reise ins mehr oder weniger schöne San José antreten. Mit der großen Hoffnung im Gepäck, das Visums-Puzzle annähernd beenden zu können mit dem kompletten Antrag. Danach werde ich wohl erstmal längere Zeit mit einem Papierwisch als vorläufiges Visum vorlieb nehmen müssen, denn es soll schon Freiwillige gegeben haben, die quasi erst kurz vor ihrer Rückkehr nach Deutschland das Visum in ihrem Pass hatten…

Die abwechslungsreichen Tage in San José wurden dann noch von einem aufregenden Wochenende getoppt. Dazu dann aber mehr im nächsten Eintrag „Stadt, LAND, FLUSS II“, denn jetzt ist das bierhaltige Inspirationsgetränk leer und ich muss langsam auch mal an der Matratze horchen.

Kommentiert ihr mir weiter fleißig oder gerne auch noch fleißiger als bisher! Mich freut jedes Stück Interaktivität in meinem Blog. Als kleiner Anreiz bekommen die ersten beiden Kommentatoren auch eine originale Costa Rica Postkarte geschickt! (Achtung Gewinnspiel, AGB stehen im Kleingedruckten, wenn Sie es denn irgendwo finden, ich konnte es nicht entdecken, Lupe bringt nichts!)
Also Prost und Pura Vida – bis zum nächsten Eintrag!

P.S.: Eine größere Zusammenstellung an Fotos gibt es jetzt auch für jeden zugänglich in meinem google+ Fotoalbum! Guckt mal hier.

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8 Kommentare

Verfasst von - 9. Oktober 2012 in Berichte

 

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8 Antworten zu “STADT, land, fluss I

  1. Arnulf

    9. Oktober 2012 at 09:45

    Lieber Joschka, ich freue mich schon jetzt auf die Fortsetzung Deiner Visum-Story und auf eine Postkarte aus Costa Rica. Wünschenswert wäre noch ein schönes Bild von den Faultieren oder Affen an der Stromleitung. Herzliche Grüße Arnulf.

     
    • kuempsi

      11. Oktober 2012 at 06:44

      Postkarte und Fortsetzung (ich hoffe dann Teil 2/2) schicke ich dann hoffentlich nächste Woche rum! Fotos von den Affen (allerdings im Baum) gibt es in dem verlinkten google+ Fotoalbum, das Faultier ließ sich allerdings schon mit den Augen so schwer ausmachen, dass die Kamera erst gar keine Chance hatte..aber das kommt bestimmt noch! LG zurück.

       
  2. Ute Zäpernick

    9. Oktober 2012 at 18:51

    lieber Joschka, es ist doch einfach schön, Deine Erlebnisse zu lesen, Du schreibst witzig und spannend. Ich bin in den Gedanken ganz dort, in der Nähe. Affen und Faultiere so nahe zu erleben ist auch etwas oder???? Mach weiter so. Ich freue mich auf die nächste Post, die ja dank der Technik uns doch sehr schnell erreicht.
    Herzliche Grüße
    Ute

     
    • kuempsi

      11. Oktober 2012 at 06:47

      Liebe Ute, schöne, dass du dich an meinen Berichten erfreuen kannst. Die für mich noch so „exotische“ Tierwelt aus nächster Nähe zu beobachten ist wahrlich beeindruckend!
      Da du ja nun die zweite „Kommentatorin“ warst, gibt es für dich somit sogar auch bald „richtige“ Post. Die benötigt aber sicherlich ein bisschen mehr Zeit 😉 LG nach Hamburg!

       
  3. Marion Mohrmann

    14. Oktober 2012 at 18:09

    Lieber Joschka, ist ja wieder alles sehr interessant! Wir sind gerade aus Andalusien zurück, es war ein bisschen wie im Paradies, so zwischen 26-30 Grad, jeden Tag blauer Himmel, baden im Atlantik und im pool, super essen, usw. Schon traumhaft! Morgen gehts nach Hamburg. Dir wünsche ich weiterhin viel Durchhaltevermögen und mehr zu tun.
    Alles Liebe Marion

     
  4. Maxi

    16. Oktober 2012 at 17:34

    Moinsen,
    danke für den spannenden Bericht!
    Hast du mal überlegt, dass Schornsteinfeger Glück bringen sollen? Vielleicht haben also Stempeltinte-geschwärzte Finger auch ihr Gutes 🙂
    Beste Grüße!

     
  5. Jen

    22. November 2012 at 16:36

    Wo genau ist das Gästebuch? Wo genau ist Valle azul bei Cuidad Quesada, finde das auf der Google.Karte nicht… könntest du mir sagen, wie ich das bei der google.karte finden kann, z.B. dass das dort ist, wo an einer Stelle der Name eines Flusses eingetragen oder zwischen Cuidad Quesada und San Ramon o. ä. Würde mich interessieren!

     
    • kuempsi

      28. November 2012 at 01:32

      Welches Gästebuch meinst du?
      Valle Azul liegt auf der Verbindungsstraße von San Ramón nach La Fortuna ein gutes Stück vor La Tigra und San Jorge, das sind die Orte, die Google Maps anzeigt!

       

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