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Das verhexte Landleben

07 Sep
Das verhexte Landleben

Ich bin angekommen? Ich bin angekommen! Ich bin angekommen?!

Das ist die Frage, die mich im Moment von einer Laune in die andere treibt. Physisch angekommen bin ich aber schonmal – das steht fest!

Seit ein paar Tagen darf ich jetzt das kleine Dorf Valle Azul als meinen Wohnort angeben. Vom Oden-T(h)al also in das Blaue-Tal. Ungefähr eine halbe Autostunde von der nächstgrößeren Stadt Ciudad Quesada entfernt liegt die Ortschaft in einem eher ländlichen Gebiet. Nur gestört von einer recht gut befahrenen Durchgangsstraße.

Also ich hier ankam, musste ich also feststellen, dass die Flucht vom Land in Deutschland mich aufs Land in Costa Rica verschlagen hat. Wie verhext!

Und so fühlte ich mich dann auch erstmal. Etwas erschlagen von der Mischung aus Einöde und ungewissem Arbeitseinsatz. Angst vor Langeweile und zu viel Zeit zum Nachdenken, zum Vermissen. Leider durchtrieb dieses Gefühl meine ersten drei bis vier Tage, immer begleitet von der Frage: Wie soll ich das hier durchstehen?

Die Antwort war nicht wirklich auszumachen; mal halfen der Kontakt in die Heimat, mal auch Ablenkung durch körperlich anspruchsvollere Arbeit. Mal das Austauschen mit anderen Freiwilligen in Costa Rica (die mir bestätigen konnten noch mehr im Nichts gelandet zu sein) und einmal sogar der sonntägliche Tatort aus der ARD-Mediathek.

Ich glaube mittlerweile habe ich nun erkannt, dass in dem ganzen hier einfach eine große Herausforderung steckt. Das erst Mal „alleine“ leben, wohnen, haushalten, arbeiten. Aus Sprach-Unkenntnis manchmal noch nicht sicher zu sein, ob man gerade einen Witz verpasst hat oder lieber nicht gelacht hätte. Einen entspannteren Arbeitsrhythmus anzunehmen und auch mal mit Nichtstun-Phasen zufrieden zu sein. Den Körper an einen Wechsel aus Hitze und ergiebigsten Regengüssen zu gewöhnen. Sich mit unbekannten Kochkünsten und Geschmäckern bekannt zu machen. Einen Schnitt zu machen in seinem Leben. Ein neues Leben für ein Jahr beginnen?

„Mit Herausforderungen wächst man“ – heißt es so schön. Bisher haben sie mich eher durchgeschüttelt. (Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn ich durfte auch gleich mal ein heftiges Erdbeben miterleben, ohne irgendwie dabei zu Schaden zu kommen!) Aber es gibt auch eine Auflösung für die Wirren der ersten Tage an meinem Projektort – ich bin noch nicht einmal eine ganze Woche hier!

Deswegen ist das, was ich bisher erlebt habe auch noch recht überschaubar im Vergleich zu dem, was noch kommen wird. Aber dennoch möchte ich euch neben einem Blick ins „Innere des Freiwilligen“ auch die Dinge nicht vorenthalten, die „der Freiwillige“ durch seine Augen gesehen und (teilweise am ganzen Leib) gespürt hat.

Here we go:

Nachdem die zwei Wochen in der Hauptstadt San José, mit Sprachkurs und Einführungsseminar so viel zu schnell vorbeigingen, wie ein schöner Strandurlaub, bin ich pünktlich am 1. September nach Ciudad Quesada gefahren. Mit dem Bus von San José, ein guter Trip um zu bester Musik, die Natur und die Gedanken an einem vorbeirauschen zu lassen. Man fühlte sich angekommen im Land, obwohl man auf der Reise war. Denn der Bus war in erster Linie besetzt von Einheimischen zudem kam man Unterwegs an den verschiedensten großen und kleinen Orten vorbei und konnte, wie schon auf der Busfahrt an den Strand in Jacó, sich satt sehen an der grünen Landschaft um einen herum.

Noch einmal ging ich in der Vorstellung meine Zukunft durch die nach ein paar Straßenkilometern beginnen würde.

In der Stadt angekommen holte mich (tico-)pünktlich mein Mentor und gleichzeitiger Mitbewohner Edu vom zentralen Busbahnhof ab. Zeigte mir auf dem Weg gen Land ein paar wichtige Lokalitäten (öffentliche und private Klinik – „geh‘ lieber in die Private, wenn du es nicht bezahlen musst!“). Auf halber Strecke hieß es dann umsteigen: Edu hatte zu tun und ich setzte meinem Weg im Kleinbus meines Chefs (und nun auch Nachbar und Teilzeit-Gastpapa) bis ins Valle Azul fort.

        „Wohntest du in Deutschland auf dem Land oder in der Stadt?“

                „Auf dem Land.“

        „Dann bist du das ja schon gewohnt.“

So langsam wich ein bisschen die übrige gebliebene Vorfreude. ‚Ein Jahr aufm Kaff also..‘

Nun neben den oben beschriebenen Gefühlsregungen, lernte mein Auge aber umso schneller die Vorzüge dieses Wohnortes kennen. Erkundungstour in das familieneigene Land meines Chefs. Verschiedenste Namen von Bäumen, Sträuchern und Tieren wurden mir an den Kopf geworfen. Ohne das ich schon aufnahmefähig gewesen wäre. Und, ganz Landkind, trug ich bei dieser Aktion dünne Stoffsneaker, was bei jedem Matschloch natürlich zu einiger Unterhaltung bei meinen Begleitern führte.

Mit frisch vom Baum geschlagenen Pipas (ähnlich der Kokosnuss, nur Grün und mit herrlich erfrischendem Kokoswasser darin und schmackhaftem Fruchtfleisch), Zuckerwasser saugen aus frisch geschlagenem Zuckerrohr ging es dann weiter. Mit dabei, der wichtigste Begleiter in diesem Territorium und beim ad hoc Zubereiten von Früchten und Co.: Unser Freund die Machete!

Mit ihrem kleineren Genossen, dem Messer, wurde mir auch schon gezeigt wie man Orangen fachgerecht so schält, dass man sie als Saftpresse und Trinkbehälter für frischen Saft in einem nutzen kann. Oder zumindest wurde es mir versucht zu erklären, meine Grobmotoriker-Hände hatten (noch) etwas dagegen, dieses Handwerk zu erlernen. Aber wenn ich es dann kann, kommt eine Anleitung oder ein Video-Tutorial, ist ja gerade eher IN.

Neben den „natürlichen“ Highlights stand in der ersten Arbeitswoche natürlich auch Arbeit an. Wie das halt so ist in einer Arbeitswoche.

Das Einarbeiten sah so aus: ich lese am Vormittag alle vorhanden Broschüren über touristische Angebote, Partner meine Orga usw. durch. Durchkämme die Website auf allen verfügbaren Sprachen. Außer auf Französisch ;-). Und finde natürlich, ganz Pädagogen-Sohn und Deutsch-LKler, direkt mal eine Hand voll Fehler. Arbeit für mich? Denkste. Wie mir erklärt wird, liegt die Betreuung der Website in der Hand einer Agentur, die es mit dem betreuen nicht so ernst nimmt, einem aber auch nicht die Möglichkeit einräumt selber tätig zu werden.

         „Das wollen wir aber bald umändern!“

Ich bin gespannt! Den restlichen Einarbeitstag hatte ich quasi nichts zu tun.

Ansonsten bestand meine Arbeit bisher nur aus zwei Dingen: Zum einen Holz schleppen, vermessen, anzeichnen, anreichen und den Bauherren beim Diskutieren über die beste Bauweise zuhören…

…war der Sprung jetzt zu hart? Die Gedanken fließen halt gerade so hinaus, Schreibblockade kenne ma nit!

Also zur Erklärung: JAZON, meine Orga, baut sich gerade in Eigenregie ein neues Gebäude für die Büros usw. Mit Holz aus dem eigenen Land, selbst geschlagen und zersägt und eben auch selbst geschleppt, vermessen….

Wenn also dann mal zu lange im Büro vor dem PC gesessen wurde und es gerade nicht nach Regen aussieht (ich hab bisher noch nicht verstanden, wann es mal nicht nach Regen aussieht!) packt den Mitarbeiter der Landjugend-Organisation die Tatkraft. Diese Arbeit scheint sowieso beliebter. Und lenkt in meinem Fall auch recht gut ab, von weiter oben erwähnten, selbst auferlegten Psycho-Tests und Co.

Nach der Einarbeitung in Eigenregie und dem Kennenlern-Tag „aufm Bau“ oder auch „im Wald“ kristallisierte sich dann auch schon der zweite Aufgabenbereich hinaus: Das Zuammenstellen von Reisepaketen, für Interessierte aus der ganzen Welt (die sich bisher auf Frankreich und Mexiko und Italien reduzierte..). Der umweltbewusste Tourist, der auf „uns“ stößt, sagt, was er gerne sehen möchte und bekommt dann eine maßgeschneiderte Reiseroute vorgeschlagen. Eine echt gute Arbeit um das Land kennenzulernen. Und ich komme mir noch nicht mal so vor, wie eine frustrierte Reisebüro-Fachkraft, die darüber meckern muss, dass ja alles nur noch über dieses Internet läuft in der Reisebranche..

Also kommt nach Costa Rica und lasst euch von uns ein Rundum-Wohlfühlpaket bereitstellen, durch das ihr eure Reise in dieses sagenhaft schöne Land (das übrigens keine Armee mehr hat!), für immer in eurer schönsten Erinnerung behaltet!

Tut mir leid, PR-Arbeit gehört halt auch zu meinen Aufgaben hier. Das bricht dann halt manchmal noch so heraus. Aber auf die Sache mir der Armee sind sie hier schon sehr stolz!

Im Ernst, dass was ich bisher vom Land sehen durfte, das kleine bisschen hat mich schon staunen lassen. Vielleicht ist es ja wahr, dass hier viele Flecken Natur noch wirklich gut geschützt werden vor Eingriffen von Menschenhand. Die Erzählungen meiner Kollegen und die vielen Broschüren und Projektinformationen, die ich hier im Büro schon durchlesen konnte, lassen zumindest hoffen. Auch, wenn gerade mehrere Staudammprojekte in Planung sind, gegen die es starke Widerstandsbewegungen gibt.

Ob das Ganze, dann wirklich so „grün“ ist, wie es scheint werde ich wohl erst nach einiger Zeit feststellen können. Gut möglich, dass ich mich auch im Rahmen meiner Jahresarbeit für den EED im Bereich Entwicklungspolitik für das Thema nachhaltigen Tourismus in Costa Rica entscheide.

Nun ist es hier 20 Uhr. Ich bin hundemüde (super Wort, die spanische Übersetzung „rendido“ kling eher langweilig, oder?) und habe mich daher in Sachen Assimilation schon einen Schritt vorwärts bewegt. Früh aufstehen – früh ins Bett gehen. Das ist hier eigentlich normal.

Soweit meine ersten Eindrücke, für euch zusammengefasst. Ich weiß, dass es noch etwas wirr wirkt, aber so sieht es nun mal aus gerade in meinem Kopf, inmitten einer heißen Wohnung, um und auf die der Regen gerade mal wieder hinunterprasselt. Ich hoffe ihr könnt trotzdem einen ersten Eindruck gewinnen, von dem Ort, an dem ich nun in erster Linie die nächsten 11 Monate verbringen werde. Ein paar lustige Szenen, die ich hier erlebt habe, will ich euch dann nach und nach in kleine Erzählungen, z.B. auch über das Erdbeben, noch näher bringen – bis zum nächsten längeren Artikel. Ich bin gespannt, wie der dann gefärbt sein wird. Ich hoffe euch geht es ähnlich und ihr seid nicht jetzt schon Müde vom mitlesen. Dann kommen auch wieder mehr Bilder!

Auch meine monatlichen Rundbriefe (die erste Mail ging vor kurzem raus) stehen natürlich weiter jedem offen, der mir seine Mail-Adresse zukommen lässt. Sie sollen immer einen kurzen Überblick über die aktuelle Situation und den vergangen Monat geben.

Also, heiß-nasse Grüße aus dem Blauen Tal.

Bleiben Sie uns treu, empfehlen Sie uns weiter!

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3 Kommentare

Verfasst von - 7. September 2012 in Berichte

 

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3 Antworten zu “Das verhexte Landleben

  1. Jannis

    7. September 2012 at 22:29

    Toller Bericht! Und brav Stern.de verlinkt 🙂

     
  2. Ute Zäpernick

    11. September 2012 at 09:57

    Danke für die ersten Eindrücke. Sehr spannend, freue mich auf weitere Berichte. Ute

     

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